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Warum Digitalisierungsprojekte scheitern – und was Sie dagegen tun können

Die Probleme liegen selten an der Technik. Sie liegen an Anforderungen, Verträgen und Governance.
22. April 2026 durch
Michael Rohrmüller

Die Probleme liegen selten an der Technik. Sie liegen an Anforderungen, Verträgen und Governance.

Das Wichtigste in Kürze

  • Digitalisierung ist ein Geschäftsführungs-Thema, kein IT-Thema.
  • Die häufigste Streitursache in meiner Gutachtenpraxis sind unklare oder fehlende Spezifikationen.
  • Pauschalpreise ohne klare Lieferdefinition erzeugen fast zwangsläufig Konflikte.
  • Wer keine Governance festlegt, verschiebt jede Entscheidung nach hinten – und macht sie teuer.

Warum Projekte scheitern – und woran nicht

Digitalisierung ist kein IT-Thema – sie ist ein Geschäftsführungs-Thema. Wer das Projekt allein an die IT delegiert, hat den ersten Fehler bereits gemacht. In den Streitfällen, die auf meinem Tisch landen, ist die eingesetzte Technologie fast nie die Ursache. Die Ursache liegt regelmäßig davor: in dem, was nie sauber vereinbart wurde.

Die fünf häufigsten Ursachen

  1. Unklare Anforderungen. Lastenhefte mit „soll mehr Effizienz bringen" sind kein Anforderungsmanagement. Ohne prüfbare Kriterien gibt es später keinen Maßstab für Mangel oder Erfüllung.
  2. Schwache Verträge. Pauschalpreise ohne klare Lieferdefinition führen zu Streit. Was zum Leistungsumfang gehört, entscheidet sich sonst erst im Konflikt.
  3. Fehlendes Change Management. Ohne Mitnahme der Belegschaft scheitert auch das beste System. Ein technisch einwandfreies Projekt, das niemand nutzt, ist gescheitert.
  4. Keine Governance. Wer entscheidet bei Konflikten zwischen Fachabteilungen? Fehlt diese Festlegung, wird jede Entscheidung zur Verhandlung.
  5. Falsche KPIs. Was nicht gemessen wird, wird nicht erreicht – und lässt sich hinterher auch nicht belegen.

Was im Gutachten am häufigsten auftaucht

In der überwiegenden Mehrzahl der Streitfälle zwischen Auftraggebern und Dienstleistern lässt sich der Konflikt auf unklare oder fehlende Spezifikationen zurückführen. Beide Seiten haben sich etwas anderes vorgestellt – und beide konnten das nach dem Vertrag auch. Genau das macht diese Verfahren so zäh.

Der teuerste Satz in einem IT-Projekt lautet: „Das war doch selbstverständlich mit drin."

Woran ich erkenne, ob ein Projekt zu retten ist

  • Gibt es eine belastbare Spezifikation? Wenn ja, ist der Streit lösbar. Wenn nein, muss zuerst nachgeholt werden, was am Anfang gefehlt hat.
  • Ist die Architektur tragfähig? Technische Schulden lassen sich abtragen; eine grundsätzlich falsche Architektur nicht.
  • Arbeiten die Menschen noch zusammen? Ist die Kommunikation vollständig über Anwälte umgeleitet, wird die Fortführung meist teurer als der Neustart.
  • Wie hoch ist der Anteil erbrachter Leistung? Er bestimmt, ob eine gütliche Einigung oder eine Rückabwicklung realistisch ist.

Was ich Auftraggebern vor Projektstart empfehle

  • Anforderungen prüfbar formulieren – jede Anforderung mit einem Abnahmekriterium.
  • Meilensteine mit Teilabnahmen statt einer großen Abnahme am Ende.
  • Eine benannte Entscheidungsinstanz mit Budgetverantwortung.
  • Regelmäßige, dokumentierte Projektstatus-Berichte – sie sind später das Beweismittel.
  • Eine begleitende technische Prüfung durch einen Unabhängigen bei kritischen Vorhaben.

Details zu Vorgehen und Prüfumfang finden Sie auf der Seite Gutachten zu Digitalisierungsprojekten.

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Digitalisierungsprojekte scheitern?

Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil aller Digitalisierungsprojekte – je nach Erhebung deutlich über die Hälfte – die ursprünglichen Ziele nicht erreicht. Häufigste Ursachen sind unklare Anforderungen, schwache Verträge und fehlendes Change Management.

Was ist die häufigste Ursache in Streitfällen?

Unklare oder fehlende Spezifikationen. Ohne prüfbare Anforderungen gibt es keinen Maßstab dafür, was geliefert werden musste – und damit auch keinen für einen Mangel.

Woran erkenne ich früh, dass ein Projekt kippt?

Warnsignale sind verschobene Meilensteine ohne Ursachenanalyse, wachsende Change-Request-Listen, Statusberichte ohne messbare Kennzahlen und eine Kommunikation, die zunehmend schriftlich und defensiv wird.

Sollte man einen Sachverständigen schon während des Projekts einschalten?

Ja. Eine begleitende Prüfung dokumentiert den Projektstand, macht Abweichungen früh sichtbar und ist deutlich günstiger als ein Gutachten nach dem Scheitern.

Wer trägt die Schuld, wenn Anforderungen fehlen?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Der Auftraggeber schuldet die Mitwirkung, der Auftragnehmer die Aufklärung und Beratung. Im Gutachten wird geprüft, wer welchen Beitrag geleistet – oder unterlassen – hat.

Was ist besser: agil oder Wasserfall?

Beides funktioniert, wenn die Methodik zum Projekt passt und konsequent gelebt wird. Streit entsteht meist dort, wo agil gearbeitet, aber ein Festpreis auf Basis eines Wasserfall-Lastenhefts vereinbart wurde.

Wie bewertet man den Wert bereits erbrachter Leistungen?

Über Funktionsumfang, Codequalität, Dokumentation und Wiederverwendbarkeit. Entscheidend ist, welcher Teil der Leistung für den Auftraggeber tatsächlich nutzbar ist.

Was gehört in einen belastbaren Projektvertrag?

Prüfbare Anforderungen mit Abnahmekriterien, Meilensteine mit Teilabnahmen, ein Änderungsverfahren, Mitwirkungspflichten, Kennzahlen und Regelungen zu Dokumentation und Quellcode.

Kann ein gescheitertes Projekt fortgeführt werden?

Häufig ja – wenn Architektur und erbrachte Leistung tragfähig sind und beide Seiten noch verhandlungsfähig sind. Genau diese Frage beantworte ich in einer Projektbewertung.

Was kostet eine Projektbewertung?

Das hängt vom Aktenumfang und der Fragestellung ab. Nach dem Erstgespräch erhalten Sie einen schriftlichen Kostenrahmen mit klarer Zeitschätzung.

Michael RohrmüllerBDSF-geprüfter IT-Sachverständiger, Nürnberg. Beitrag aus der Gutachtenpraxis – seit 2005 Gutachten für Gerichte, Anwälte, Unternehmen und Investoren.

Ihr Projekt läuft aus dem Ruder?

Je früher jemand von außen draufschaut, desto größer der Spielraum. Ich sage Ihnen ehrlich, ob Rettung, Neuverhandlung oder Neustart der richtige Weg ist.

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